Konflikt lösen – Die besten Methoden & Haltungen

In diesem Artikel will ich auf eine Haltung eingehen, mit der wir Konflikten konstruktiv gegenübertreten können und diese sogar nutzen können um ein tieferes Verständnis für unser Gegenüber und uns selbst zu gewinnen!
Ich werde die verschiedenen Aspekte dieser Haltung/Methode anhand der fünf Prinzipien des Circlings erläutern und somit auch einen Einblick geben, mit welchen Verständnis wir Konflikte und Widersprüche im Rahmen eines Circling-Events halten.
Gerade in der heutigen Zeit, wo Polarisierung und Spaltung als neues Normal erscheinen und tatsächliche ‚zivilisierte‘ Diskussion auf Augenhöhe eher in den Hintergrund rücken, wird es umso wichtiger, ein Verständnis für Konflikte zu finden, welches uns nicht nur erlaubt einen funktionierenden Kompromiss zu finden, sondern sogar an dem Konflikt und den verschiedenen Meinungen zu wachsen! Wir brauchen dringend eine Kultur, die eine authentischere und ganzheitlichere Auseinandersetzung mit Konflikten zulässt. Dies ist nur möglich, wenn wir von der Position ablassen, in der wir ‚Recht haben wollen‘ und wir Raum schaffen für die Wahrheit unserer Gegenüber. Eine integrale Sicht auf Konflikte (wie im Circling -> siehe ‚Circling als integrale Praxis‘) erlaubt uns die Wahrheiten und Unwahrheiten der verschiedenen Positionen zu trennen und zum wirklichen Kern der Auseinandersetzung vorzudringen!

 

So gelingt das Lösen von Konflikten

Hier sind die wichtigsten Punkte der Haltung, die als Rahmen für eine solche konstruktive
Auseinandersetzung zentral sind:

 

Konflikte sind vor allem ein Potential für Verbindung und Intimität! (Commitment to Connection)

Es ist wichtig, dass wir Konflikte nicht als etwas ‚schlechtes‘ oder ‚problematisches‘ betrachten, das am besten gar nicht erst entstehen sollte. Konflikte gibt es immer, wenn Menschen zusammenleben und -arbeiten. Aber sie sind nicht nur unumgänglich, sondern tragen auch ein riesiges Potential in sich, wenn man weiss, wie man zu diesem Schatz im Kern des Konflikts vordringen kann!

Rob McNamara sagt in seinem genialen Buch ‚The Elegant Self‘: ‚Wir können ein Konflikt nicht lösen. Wir können uns nur von dem Konflikt lösen lassen!’

Einen Konflikt zu lösen, bedeutet in erster Linie, die Offenheit zu haben, uns durch den Konflikt selbst verändern zu lassen; also ein neues Verständnis für uns selbst oder die andere Person zu finden, oder sogar unser Weltbild anzupassen. Diese Haltung funktioniert nur, wenn wir dem Konflikt überhaupt die Chance geben, uns zu verändern. Wenn wir also die andere Partei und die Verbindung, die wir zu dieser haben in unseren Prozess hin zu einer Lösung mit einschliessen. Wir müssen uns also dem Konflikt gegenüber öffnen und Allem was in Verbindung mit der anderen Partei passiert unsere Aufmerksamkeit schenken. Das bedeutet die Fähigkeit zu trainieren, auch unangenehme Gefühle auszuhalten und sich unangenehme Dinge anzuhören. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, immer wieder überraschende und verbindende Einsichten in den Ursprung des Konflikts zu erhalten, und somit mehr und mehr Verständnis für uns selbst und die andere Partei zu finden.
Durch dieses Verständnis wird es uns schlussendlich möglich, den gesamten Konflikt aus einem anderen Licht zu betrachten. Aber nicht, weil wir den Konflikt ‚gelöst‘ haben. Wir haben eine neue Ebene des Verständnis erreicht auf der der Konflikt keiner mehr ist.

‚Commitment to Connection‘ beschreibt im Circling die Bereitschaft authentisch mit allem da zu sein, was sich in der Verbindung oder in einem Konflikt zwischen zwei oder mehreren Parteien zeigt. Das Prinzip fordert uns auf, genau zu schauen ob wir uns ganz in die Verbindung einbringen oder ob wir uns gewohnheitsmässig einem bestimmten Gefühl, einer Verhaltensweise oder einer Rückmeldung entziehen.

Die Bereitschaft authentisch mit allem da zu sein, was sich in der Verbindung oder in einem Konflikt zwischen zwei oder mehreren Parteien zeigt. Das Prinzip fordert uns auf, genau zu schauen ob wir uns ganz in die Verbindung einbringen oder ob wir uns gewohnheitsmässig einem bestimmten Gefühl, einer Verhaltensweise oder einer Rückmeldung entziehen.

Gefühle kommunizieren (Staying at the Level of Sensations)

Bei den meisten Konflikten ist nicht die sachliche Ebene der Auslöser, dass wir aneinander geraten, sondern die Ebene der Gefühle. Unsere eigenen Gefühle wahrnehmen zu können und aus einer gewissen Distanz zu betrachten, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten zum Arbeiten mit Konflikten.
Das Ziel hierbei sollte es sein, eine genug grosse Distanz zu den eigenen Gefühlen zu haben, so dass wir über sie sprechen können und nicht durch sie hindurch! Gleichzeitig wollen wir genug Nähe und Intimität mit unseren eigenen Gefühlen kultivieren, so dass wir unsere Reaktionen auf bestimmte Situationen immer besser und emphatischer verfolgen und verstehen können. Natürlich gibt es für jeden und jede Momente, wo dies nicht möglich ist. Wenn die emotionale Ladung zu gross ist, sollte man nicht versuchen, in dieser Energie dem Konflikt beizukommen. Dann ist es besser ein Time-Out zu nehmen und später zusammen erneut auf die Ursache für den Konflikt zu schauen.

Unsere Gefühle zu verdrängen oder zu versuchen, diese ‚gar nicht erst‘ in den Konflikt
einzubringen, bringt nichts: Die Gefühle wirken dann einfach unterbewusst auf unsere
Wahrnehmung und machen die Konfliktlösung nur noch schwieriger, als wenn wir sie bewusst einbringen und betrachten!

Gefühle müssen nicht erklärt oder gerechtfertigt werden! Wenn eine Partei ein Gefühl mitteilt (‚Ich fühle Trauer / Angst / Wut / Freude‘), lässt man diese Aussage am besten für eine Minute stehen und einsinken, ohne direkt mit einem ‚wieso‘ oder ‚aber‘ zu kontern.

‚Staying at the Level of Sensations‘ ist das Prinzip, welches diese Haltung im Circling ausdrückt. Die Ebene der Empfindungen und Gefühle ist der Anker im Hier und Jetzt, zu dem wir in jeder Situation zurückgehen können: Was fühle ich jetzt gerade in Verbindung zu dir, in diesem Konflikt?
Anstatt einem gewohnten Muster zu folgen, können wir direkt unsere momentanen Gefühle
beobachten und diese mitteilen. So finden wir schneller heraus, worum es in dem Konflikt wirklich geht und stellen sicher, dass die Bedürfnisse und damit einhergehenden Gefühle der beteiligten Parteien gesehen werden.

 

Bei der eigenen Wahrheit bleiben und Verantwortung dafür übernehmen (Owning your Experience)

Zudem hilft es, wenn wir unsere Gefühle so mitteilen, dass wir klar in der Verantwortung dafür sind. Niemand anderes ‚macht‘ uns wütend, traurig, ängstlich oder freudig. Dies sind alles unsere eigenen Reaktionen auf eine bestimmte Situation, zusammengesetzt aus unserer spontanen Reaktion auf die Situation und aus unserer Geschichte (gesammelte Erfahrungen). Wenn wir uns an dem vorangehenden Prinzip orientieren und somit unsere Fähigkeit stärken, unsere Gefühle und Empfindungen im Hier und Jetzt wahrzunehmen und zu kommunizieren, wird es uns auch immer einfacher fallen, die Unterscheidung zwischen spontanen Reaktionen und reaktiven Handlungen zu machen.

Reaktiv zu handeln bedeutet Gefühle und Annahmen in den jetzigen Konflikt zu projizieren, die in Wahrheit aus ungelösten Konflikten aus unserer Vergangenheit stammen. Diese Gefühle und Annahmen werden in uns durch etwas im jetzigen Konflikt ‚getriggert’. Zum Beispiel kann die Art, wie die andere Person mit uns umgeht in uns eine starke Reaktion auslösen, deren Ursprung hauptsächlich in unserer Vergangenheit liegt (z.B. ist ein Elternteil ähnlich mit uns umgegangen).

Um einen Konflikt im Hier und Jetzt lösen zu können, müssen wir versuchen, so gut es geht die Verantwortung für diese Reaktionen zu übernehmen und diese im Konflikt zu benennen. Dafür müssen wir sozusagen zum ‚Whistleblower‘ für unsere eigene reaktiven Tendenzen werden. Das ist kein einfaches Unterfangen! Aber es lohnt sich auf jeden Fall, die Fähigkeit zu trainieren, selbst in der hitzigsten Streitsituation innezuhalten, klar hinzuschauen was wir wirklich fühlen und dies – ohne Schuldzuweisung an die andere Partei – mitzuteilen!

Dies eröffnet eine komplett neue Richtung, in die der Konflikt gehen kann. Diese Verletzlichkeit und Selbstverantwortung mit unserer Reaktion ist eine Einladung für alle Beteiligten, sich ebenfalls verletzlich zu zeigen. Die Ebene des Konflikts verschiebt sich komplett von einer des ‚gegeneinander‘ hin zu einer des ‚erkannt werden und den/die andere/n erkennen‘.

‚Owning your Experience‘ fasst dies im Circling treffend zusammen. Manchmal reagieren wir auf eine Situation viel stärker als es die äusseren Umstände von uns verlangen würden. Bei solch starken – und meist emotional geladenen – Reaktionen, ist nicht die Reaktion in sich ein Problem, sondern dass wir dabei oftmals die Verantwortung für unser Erleben an andere abgeben. Wir ihnen also die Schuld zuschieben, dass sie uns so fühlen lassen. Das Prinzip lädt immer wieder dazu ein für unsere komplette Erfahrung – sei dies spontane Reaktion oder reaktives Verhalten – die Verantwortung zu übernehmen und uns mit unseren Gefühlen und Gedanken und unserer ganzen Verletzlichkeit zu zeigen, ohne Schuld zuzuweisen.

Das Prinzip lädt immer wieder dazu ein für unsere komplette Erfahrung - sei dies spontane Reaktion oder reaktives Verhalten – die Verantwortung zu übernehmen und uns mit unseren Gefühlen und Gedanken und unserer ganzen Verletzlichkeit zu zeigen, ohne Schuld zuzuweisen.

Alles einschliessen und der Verbindung vertrauen (Trusting your Experience)

Manche Menschen sind der Meinung, dass wir Reaktionen und Verhaltensweisen, die aus unserer Vergangenheit stammen, nicht in Konflikte im Hier und Jetzt projizieren sollten, und diese besser sonst wo lösen sollten (sei dies alleine oder mit einem Therapeuten). So nobel diese Haltung auch erscheinen mag, es ist schlichtweg unmöglich nicht in die jetzige Situation zu projizieren! Unser Verhalten ist immer eine Mischung aus alten Mustern und spontanem Agieren.

Eine praktischere und konstruktivere Haltung ist deshalb alles was in einem Konflikt in uns vor sich geht verantwortungsbewusst mit einzuschliessen. Und somit all unsere Reaktionen einfach so zuzulassen, wie sie in uns entstehen. Diese nicht auszuagieren, sondern in klarer Verantwortung dafür herauszufinden weshalb diese Reaktion gerade mit diesem Gegenüber und in diesem Konflikt hochkommt. Es gibt immer einen Grund, weshalb eine bestimmte Reaktion entsteht. In anderen Worten: Unsere Reaktionen sind nicht zufällig sondern entstehen immer in Verbindung zu der anderen Person. Irgendwo in diesem Konflikt gibt es ein ‚Gegenstück‘ für unsere Reaktion.

Wenn die Herangehensweise an einen Konflikt von der Einstellung ‚Ich habe Recht und bekämpfe dich!‘, zu der Einstellung ‚Ich fühle mich so und möchte mit dir zusammen verstehen was zwischen uns passiert‘ wechselt, ist ein riesiger Schritt getan, hin zu einer konstruktiven Konfliktlösung. Und auch ein grosser Schritt hin zu dem Schatz, der in jedem Konflikt verborgen liegt: Intimität und tiefe Verbindung.

‚Trusting your Experience‘ beschreibt im Circling diese Haltung: Alles in die Verbindung einbringen und Gefühlen, Gedanken oder Annahmen, die aus ‚alten Mustern‘ stammen nicht ausklammern oder diese rationalisieren. In anderen Worten: Darauf zu vertrauen, dass alles was in uns passiert u der Lösung des Konflikts beiträgt und wichtig ist! Wenn wir alles in den Konflikt einbringen – natürlich verantwortungsvoll – werden wir immer wieder überrascht werden, wie sehr unser eigenes Erleben mit dem des Gegenübers zusammenspielt. Sogar wenn wir davon ausgehen, dass ein Gefühl das aufkommt überhaupt nichts mit der jetzigen Situation zu tun hat!

 

Das Gegenüber wirklich zu verstehen versuchen (Being with the Other in their World)

In Konflikten geht es um die verschiedenen unerfüllten Bedürfnisse der beteiligten Parteien.
Neben der Fähigkeit, seine eigene Gefühle und Bedürfnisse im Konflikt wahrnehmen und
kommunizieren zu können, ist es natürlich auch von zentraler Wichtigkeit, uns darin zu üben die Bedürfnisse und Gefühle unseres Gegenübers zu hören und wirklich zu verstehen.
Dabei ist es wichtig selbst in einem Konflikt eine neugierige Offenheit zu erhalten, in der wir nicht von uns auf die andere Person schliessen, sondern dem Gegenüber immer wieder den Raum lassen für sich zu definieren was gerade wirklich passiert.

‚Being with the Other in their World‘ beschreibt diese neugierige, offene Haltung der Wahrnehmung anderer Gegenüber. Wir schliessen zum Beispiel bei der Aussage ‚Ich fühle mich traurig‘ nicht automatisch auf unsere eigene Erfahrung mit Trauer, sondern fragen nach: ‚Wie ist das für dich gerade traurig zu sein? Ist das angenehm oder unangenehm? Was für eine Art Trauer fühlst du?’ Durch diese Unvoreingenommenheit erfahren wir schneller viel mehr darüber was wirklich passiert, ohne voreilig zu Schlüssen und Annahmen zu gelangen.

‚Being with the Other in their World‘ beschreibt diese neugierige, offene Haltung der Wahrnehmung anderer Gegenüber. Wir schliessen zum Beispiel bei der Aussage ‚Ich fühle mich traurig‘ nicht automatisch auf unsere eigene Erfahrung mit Trauer, sondern fragen nach: ‚Wie ist das für dich gerade traurig zu sein? Ist das angenehm oder unangenehm? Was für eine Art Trauer fühlst du?’ Durch diese Unvoreingenommenheit erfahren wir schneller viel mehr darüber was wirklich passiert, ohne voreilig zu Schlüssen und Annahmen zu gelangen.

Mediation und Gruppenprozesse

Falls ein Konflikt nicht mehr von den beteiligten Personen gehalten werden kann, ist es am besten sich weitere Menschen dazu zu holen, die als Mediatoren fungieren können. Circling ist gerade deswegen in der Konfliktlösung so effektiv, weil der Gruppenkontext es zulässt, dass wir in einer Konfliktsituation mehrere Menschen um uns haben, die uns mit ihrem authentischen Feedback dabei unterstützen den Konflikt zu verstehen.


Fazit für das Lösen von Konflikten

Konflikte auf diese Art zu ‚lösen‘ ist leider (noch) nicht etwas, wofür ein grosses Verständnis in der heutigen Kultur herrscht. Oft wir vorschnell zu Kompromisslösungen gegriffen, bevor der wirkliche Kern der Auseinandersetzung aufgedeckt und begriffen wurde. So bleibt oftmals ein unbefriedigendes Gefühl oder sogar Groll zurück und der Schatz der im Konflikt verborgen liegt, kann nicht gehoben werden.
Gerade deswegen ist es wichtig, dass es sichere Räume gibt, in denen wir eine konstruktive Herangehensweise an Konflikte trainieren und die dazu benötigten Fähigkeiten stärken können, ohne dabei die uns wichtigen Beziehungen im privaten und beruflichen Feld zu gefährden.

Dafür sind die Circling-Events hervorragend geeignet!

Ausserhalb dieser sicheren Räume hilft es zuerst den Boden für einen konstruktiven Umgang mit einen Konflikt zu legen! Sind sich alle Beteiligten einig über die Herangehensweise an die Konfliktlösung? Sind alle Beteiligten bereit sich wirklich zu zeigen und ihre Sichtweise zu verändern, falls dies nötig ist?
Wenn zum Beispiel alle Konfliktparteien diesen Blogartikel lesen und mit den zentralen Punkten übereinstimmen, ist eine gute Grundlage gelegt um den Konflikt nachhaltig anzugehen.
Denn schlussendlich braucht es immer die Zusammenarbeit von allen Beteiligten um einen
Konflikt befriedigend zu lösen. Je mehr jeder einzelne von uns diese Fähigkeiten übt, Konflikten in dieser konstruktiven Haltung zu begegnen, desto schneller kann sich eine Kultur etablieren, in der solche Auseinandersetzungen als Potentiale gesehen werden und durch Konflikte mehr Verbindung und Intimität entsteht, anstatt Polarisierung und Trennung!

Samuel Schüpbach leitet als Circling Facilitator seit 2018 Kurse und Workshops in der Schweiz. Seine Ausbildung bei Circling Europe umfassen zwei SAS Leadership & Embodiement Trainings, sowie das SAS Pro - Advanced Training. Seine Leitung ist dynamisch mit einer tiefen Präsenz und Neugier für die subtilen Ebenen der zwischenmenschlichen Beziehung

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