Keine Verantwortung übernehmen wollen? Die Psychologie der Freiheit durch Selbstführung

Was bedeutet es eigentlich, für sein eigenes Leben die Verantwortung zu übernehmen?

Eine Antwort auf diese Frage finden wir bereits in der Bedeutung des Wortes ‚Verantwortung‘ an sich. Noch besser ersichtlich ist das in der englischen Sprache, wo ‚Responsibility’ aus den zwei Wörtern ‚Response‘ und ‚ability‘ zusammengesetzt ist, wortwörtlich übersetzt bedeutet dies also ‚die Fähigkeit zu antworten‘, also mit einer adäquaten Antwort/Handlung auf eine Situation reagieren zu können.

Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Verantwortung zu tragen bedeutet, als selbstbestimmter Mensch im Leben zu stehen und seine Reaktionen und Interaktion mit der Umwelt so zu wählen, dass diese für unser Wohlergehen am besten sind!



Wenn wir von dieser Definition von Verantwortlichkeit ausgehen ist doch verwunderlich, wieso so viele Menschen anscheinend wenig Verantwortung für sich selbst tragen, da sie von Aussen betrachtet sehr oft Entscheidungen treffen, die für ihr Wohlergehen längerfristig eher schädlich als unterstützend sind.

Wer will schon nicht in jedem Moment so reagieren können, dass es für ihn/sie am besten ist, also das grösstmögliche Mass an Glück, Wohlergehen und Integrität mit sich bringt?

Wieso komme ich, auch wenn ich diese positive Definition von Verantwortlichkeit kenne, immer wieder in Situationen, in denen ich gar nicht erkennen kann, was denn für mich das Beste wäre?

Wenn Menschen keine Verantwortung für sich übernehmen wollen, wie kann man das mit der Psychologie erklären?

Der Unterschied zwischen Verantwortung übernehmen wollen und Verantwortung übernehmen können

Das liegt daran, dass Verantwortungsbewusstsein (also das Bewusstsein über unsere Fähigkeit positiv orientiert zu reagieren) nicht etwas ist, was sich natürlich in unserer Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen mitentwickelt.

Die Fähigkeit Verantwortung für uns selbst zu übernehmen ist etwas was wir in der Beziehung zu unseren Eltern lernen und von ihnen mit auf den Weg gegeben bekommen.

Wenn wir also nicht von unseren Eltern lernen – in kleinen Schritte und dem jeweiligen Alter entsprechend – immer wie mehr Verantwortung für uns selbst zu tragen, kann es sein, dass wir als Erwachsene nur ein sehr schwaches Gefühl von Selbstbestimmtheit in unseren Handlungen haben.

Wir können also gar nicht erkennen, welche anderen Möglichkeiten es für uns gäbe, in einer Situation anders und besser zu reagieren. Wir sind also selbst als Erwachsene in unserem Verantwortungsbewusstsein noch Kinder.

Selbst wenn wir also Verantwortung für uns selber übernehmen wollen, ist es für uns sehr schwierig auch nur zu erkennen, wie wir uns anders verhalten könnten um dies zu erreichen.

Etwas zu tun, dass man sich nicht einmal vorstellen kann, ist viel schwerer als die einfache Aussage ‚Übernimm Verantwortung für dich selbst!‘ es zum Anschein macht!

Viele Menschen verhalten sich also nicht absichtlich verantwortungslos – wie zum Beispiel in einem wütenden Streit, in dem sich niemand einen Fehler eingestehen will – sondern sie können gar nicht erkennen, wie sie sich anders verhalten könnten!

Verantwortung für Meins, Verantwortung für Deins

Ein weiterer Faktor, der in diesen Prozess der Entwicklung des Verantwortungsbewusstsein hineinspielt, ist die Verwirrung über Meins und Deins.

Die Fähigkeit für unsere Bedürfnisse einzustehen und somit Verantwortung für uns zu übernehmen, lernen wir, wie gesagt, in Beziehung zu unseren Eltern.

Was aber passiert, wenn die Eltern selber ein schwach ausgebildetes Verantwortungs-bewusstsein haben, stark belastet oder überfordert sind oder das Kind vernachlässigen? 
In all diesen Fällen wird das Kind lernen Verantwortung zu tragen, die nicht die seine ist.

In all diesen Fällen wird das Kind lernen Verantwortung zu tragen, die nicht die seine ist. Da die Bindung an die Mutter und die Familie für das Kind überlebenswichtig sind, und weil es in gewissen Altersstufen noch gar nicht so genau zwischen ‚Ich‘ und ‚Du‘ unterscheiden kann, beginnt das Kind sich an die Überforderung der Eltern anzupassen.

Da die Bindung an die Mutter und die Familie für das Kind überlebenswichtig sind, und weil es in gewissen Altersstufen noch gar nicht so genau zwischen ‚Ich‘ und ‚Du‘ unterscheiden kann, beginnt das Kind sich an die Überforderung der Eltern anzupassen.

Wenn das Kind zum Beispiel merkt, dass die Überforderung der Eltern grösser wird, wenn es weint, wird das Kind das Weinen zu unterdrücken beginnen. So ‚hilft‘ es mit, die Überforderung der Eltern zu regulieren um die Beziehung zu verbessern.

In anderen Worte beginnt das Kind Verantwortung für die Eltern mitzutragen. Diese Dinge geschehen oftmals so früh in unserer Entwicklung als Kinder, dass Verantwortung für andere zu tragen für uns so normal wird, dass wir es gar nicht mehr merken, wenn wir es tun!

Im Leben als Erwachsene kann uns dies daran hindern für unsere eigenen Bedürfnisse einzustehen. Wir übernehmen zwar viel Verantwortung, aber nicht für uns selbst!

Wie kann ich mehr Selbstverantwortungsbewusstsein entwickeln und erfüllter Leben?

Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist eine zutiefst erfüllende und befreiende Handlung!

Oftmals wird das Wort Verantwortung mit einer negativen Anhaftung gebraucht, zum Beispiel um den Zustand des erwachsenen Menschen zu beschreiben, der nun selber für sich ‚Verantwortung tragen muss‘ und arbeiten gehen muss um über die Runden zu kommen, anstatt von seinen Eltern versorgt zu werden.

Wer ‚Verantwortung‘ in diesem Sinne benutzt, hat nur ein unvollständiges Bild von der wirklichen Bedeutung dieser Haltung. Für sich selber verantwortlich zu sein, also in Selbstverantwortung zu leben, bedeutet: Seine Bedürfnisse kommunizieren und erfüllen zu können. In anderen Worten also: Sich immer wie mehr das Leben erschaffen, welches man sich wirklich wünscht!

Wie können wir also dieses Verantwortungsbewusstsein trainieren? Uns diese Fähigkeit aneignen, bewusst auf all das, was das Leben an uns heranträgt zu reagieren?


Das funktioniert, wenn wir diese Verantwortung für uns selbst zurückzuholen, also die Lernschritte, die als Kind ausblieben jetzt als Erwachsene nachholen! Und wenn wir lernen, wo wir Verantwortung für andere übernehmen, die wir gar nicht übernehmen müssen!

Und dies ist natürlich nur möglich in Beziehung zu anderen Menschen! Wir brauchen andere Menschen, die uns Rückmeldungen darüber geben können, welchen Effekt unsere Handlungen und Reaktionen auf unser Umfeld haben.

Wir müssen direkt erfahren können, welchen Einfluss wir auf eine bestimmte Situation haben. Wenn wir erkennen können, in welchem Zusammenhang unsere Handlungen und die Reaktionen von den Menschen um uns herum stehen, können wir immer mehr lernen so zu reagieren und zu handeln, dass wir die gewünschten Ergebnisse erhalten!

Gleichzeitig sollten wir lernen uns selbst (unsere Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche) besser wahrzunehmen, so dass wir zu unterscheiden beginnen können, wo wir Verantwortung für uns selbst übernehmen, und wo wir uns selbst im Wege stehen, weil wir Verantwortung für andere übernehmen.

Das geschieht natürlich am einfachsten in einem sicheren, urteilsfreien Raum, in dem explizit die Erforschung unseres Impacts auf andere Menschen im Zentrum steht!

Und dies ist natürlich nur möglich in Beziehung zu anderen Menschen! Wir brauchen andere Menschen, die uns Rückmeldungen darüber geben können, welchen Effekt unsere Handlungen und Reaktionen auf unser Umfeld haben. Wir müssen direkt erfahren können, welchen Einfluss wir auf eine bestimmte Situation haben.

In dem wir durch authentisches Feedback sofort erkennen können, wie
unsere Präsenz, unsere Handlungen und Reaktionen auf andere wirken. Und
wo wir durch meditatives Gewahrsein, immer wie mehr in Kontakt kommen
können mit dem, was für uns wirklich wichtig ist.

Für manche Menschen bedeutet dies, sich therapeutische Unterstützung zu holen. Andere erlernen ihr Verantwortungsbewusstsein durch den Kontakt mit ihrem Umfeld, durch Meditation, Bücher oder auch intensiven Erlebnisse, in denen ihnen das volle Ausmass ihrer Entscheidungen ersichtlich wird.

Für mich immer noch der direkteste und bereicherndste Weg hin zu mehr Verantwortungsbewusstsein ist Circling!


Durch den Fokus auf die zwischenmenschliche Beziehung, durch das authentische Feedback und die Sicherheit die diese Praktik erschafft, ist sie das ideale, transformative Experimentierfeld um mein Leben immer wie mehr selbstbestimmt zu steuern; hin zu mehr Erfülltheit, mehr Verbundenheit und Lebendigkeit!

Samuel Schüpbach leitet als Circling Facilitator seit 2018 Kurse und Workshops in der Schweiz. Seine Ausbildung bei Circling Europe umfassen zwei SAS Leadership & Embodiement Trainings, sowie das SAS Pro - Advanced Training. Seine Leitung ist dynamisch mit einer tiefen Präsenz und Neugier für die subtilen Ebenen der zwischenmenschlichen Beziehung

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